HANNES BÖHRINGER

Fegen

Merkwürdig

Gerüst oder Bau

Manchmal fällt mir etwas aus der Hand, ein Schlüssel, ich hebe ihn auf und stecke ihn ein. Doch das Glas, mit einer ungeschickten Bewegung vom Tisch gestoßen, zerspringt. Brotkrümel auf der Hose schüttle ich ab. Sie fallen auf den Boden. Sauce ist auf mein Hemd getropft. Ich reibe die Stelle mit warmem Wasser  und Seife ein. Es nutzt nichts. Das Hemd muß in die Wäsche. Vielleicht geht der Fleck nie mehr heraus.

Der Boden wird nicht anders gesäubert, trocken und naß, gefegt, geschrubbt, gewischt. Auf dem Boden bleibt am Ende alles liegen. Alles fällt nach unten. Mit der Elektrizität ist der Staubsauger gekommen  und hat den Besen aus den Wohnungen in die Keller und Hinterhöfe, auf die Straßen und Wege gedrängt. Denn der Besen wirbelt Staub auf und läßt keinen Zweifel daran, daß uns das Reinigen nie ganz gelingt. Jedes Reinigen erzeugt neuen Schmutz. Wir kehren den Dreck nur beiseite, aus unserem Gesichtsfeld heraus, verteilen den Dreck, verwischen ihn auf dem Boden, wirbeln ihn in die Luft. Der Schmutz des Staubsaugers ist sein Krach.

Indem wir Dinge herstellen und benutzen, machen wir Dreck, produzieren wir Abfall. Wenn wir die Dinge sich selbst überlassen, stauben sie ein. Da sehen wir den Staub auf ihnen ruhen, den wir mit unseren Bewegungen aufwirbeln, fast nichts. Aber in großen Mengen nimmt es allem den Glanz und die Frische. Darum saugen wir ihn immer wieder ab. Doch der Staubsauger fährt über Dinge und Boden nur hinweg. Er berührt sie nicht wirklich wie der Besen.

Über den Boden gehen wir meist achtlos hinweg, auch wenn wir auf ihm stehen. Das Fegen nimmt den Widerstand des Bodens ernst. Zwei Arten Besen gibt es, die Bürste und den Pinsel mit Stiel, den Besen mit kurzen und langen Haaren. Die Bürste kratzt und reibt über den Boden, der Pinsel wedelt und wischt. Das Wischen geht über ins feuchte und nasse Säubern. Fegen eignet sich für rauhe Böden, das Wischen für glatte. Kaufhäuser und Flughäfen lieben glatte, glänzende Böden. Sie werden feucht gewischt. Sie sollen makellos wirken und strahlen.

Fegen und Wischen sind schnelle, zügige Bewegungen. Das Wischen ist spurlos. Es entwischt. Das Fegen hingegen hinterläßt Spuren am Boden und in der Luft. Wer fegt, muß den richtigen Druck im richtigen Winkel auf den Boden ausüben. Der Besen darf nicht stocken und soll nicht zu viel oder zu wenig vom Boden bürsten. Das Fegen säubert mit Gefühl.

Säubern und Reinigen ist so unerläßlich wie das Aufräumen. Es hört nie auf. Es erzeugt Schmutz und verwirbelt den Staub. Im Aufräumen entsteht ein freier Raum, eine Stelle, ein Fleck, an dem ich mich aufhalten kann. Deshalb muß ich ihn bürsten, fegen, wischen. Der Fleck wird nie richtig sauber. Er bleibt ein Fleck, aber immerhin ein Aufenthalt, solange ich ihn pflege.

 

 

merkwürdig

Ich bin nicht immer aufmerksam, passe nicht auf, schweife ab, mache Fehler. Deshalb versuche ich, mich zu konzentrieren, und mache Fehler, weil ich meine Aufmerksamkeit, um sie zu erhöhen, einschränke. So entgeht mir vieles. Die Aufmerksamkeit gleitet, sie begleitet das Geschehen. Und doch ereignet sich das Geschehen in der Aufmerksamkeit, fast unmerklich oder auffällig. Ich merke es und merke es mir.

Ich bin unaufmerksam und vergeßlich. An manches erinnere ich mich, an manches nicht. Oft war es nicht so wichtig, aber manchmal doch. Die Erinnerung begleitet die Aufmerksamkeit. Sie gibt ihr Tiefenschärfe: damals – jetzt, Wiedererkennung und Beobachtung der Unterschiede. Wenn die Beachtung der Differenz verloren geht, ist alles wie gewöhnlich, wie immer, nichts Neues. Über das, was passiert, legen sich die Zeichen der Vergangenheit, das Wissen. Alles bekannt, alles wiedererkannt. Das Vergessen geschieht unmerklich.

Wie bemerke ich mein Vergessen? Ich muß auf die Lücken gestoßen werden. Es muß etwas passiert sein. Ich habe etwas verpaßt oder verloren. Im Nachhinein fällt es mir auf. Damit es mir nicht noch einmal passiert, mache ich einen Knoten ins Taschentuch, Erinnerungszeichen, Merkzettel, Markierungen im Kalender, Denkmäler, kleine und große Monumente (von lat. monere = ermahnen, erinnern). Woran will oder soll sich eine Gesellschaft erinnern? Überall stehen Monumente, und ich beachte sie nicht.

Ein Monument soll bemerkbar sein, auffällig. Deshalb ist es oft groß und überhöht. Es steht zeichenhaft auf einem Hügel, einem Sockel, auf einem „Erdaufwurf“ (Semper). Welches Ereignis ist unter ihm begraben? Es soll wachgehalten werden und wird verschüttet. Das Denkmal ist ein Grabmal. So beginnt die Kultur. Das Vergangene ist nicht einfach vorbei, es reicht in die Gegenwart hinein. Die Gegenwart ist nicht ohne ihre Geschichte, Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.

Was aber ist unter dem Denkmal begraben? Ich finde nur Bruchstücke. Die Erinnerung ist löchrig. Ist die Mahnung in ein Loch gefallen? Das Loch wird zugeschüttet, ein Mal, eine Stelle, ein unbestimmter Fleck. Ein lesbares Zeichen, klar und einfach, muß her, um dem Fleck Name und Gestalt zu geben: Gott, Kaiser, Nation, Gerechtigkeit, Freiheit, Reichtum, Sport, die Musen, Kunst- und Kriegshelden und die unzähligen Opfer. Das eine kann vom anderen ersetzt werden. Aber da war doch noch etwas anderes! Das habe ich vergessen. Liegt es verborgen unter dem Mal? Ich grabe nur Reste der Vergangenheit aus.

Monumente sind meist monumental. Sie demonstrieren Macht durch Größe. Das imponiert. Größe ist ein einfaches, klares Zeichen. Ich staune und starre (griech. styo = starren, aufrichten). Mein Starren richtet sich nach oben und stützt die Säulen (styloi) der Herrschaft. Monumente dienen der Aufrichtung und Aufrechterhaltung von Macht bis ins Kleinste. Meine Merkzettel helfen mir, den Alltag zu meistern. Ich will Herr meiner selbst bleiben.

Die grandiose Natur ist absichtslos. Die große Architektur will etwas von mir, redet auf mich ein, will mich betören oder einschüchtern, stellt sich aus, baut sich vor mir auf und erheischt noch Anerkennung, wenn sie sich vornehm zurückhält. Ein Glück, daß die Gewohnheit ihre Stimmen in den Hintergrund drängt. Ich brauche Abstand, Auffrischung der Aufmerksamkeit, eine Reise zu den Weltwundern der Architektur. Sie müssen gar nicht monumental oder kolossal sein, nicht groß, aber großartig. Die Unterbrechung der Gewohnheit ermöglicht das Wunder, das Sich Wundern und Staunen.

Die Weltwunder, griechisch theamata, sind Sehenswürdigkeiten auf einer Bildungsreise. Die Worte theama (Anblick, Schauspiel, Sehenswürdigkeit), theoria (Festschau, Schaupiel) und thauma (wunderbarer Anblick, Wunder) sind miteinander eng verwandt. In allen drei Fällen geht es ums Sehen, Schauen, Staunen, um das Beteiligtsein als Zuschauer an einem Schauspiel in festlich gehobener Stimmung. Für Platon und Aristoteles war diese Form der Verwunderung der Anfang der Philosophie.

Das Mal des Denkmals ist nicht nur eine hervorgehobene Stelle im Raum, sondern auch ein Moment in der Zeit, ein Augenblick, ein Ereignis. Auf ein Mal habe ich etwas mit anderen Augen gesehen. Seitdem sehe ich alles anders. Diesen bewegenden Augenblick (movere, momentum) merkt sich die Aufmerksamkeit. Indem sie sich von ihm begleiten läßt, kann sich das Staunen aus der Erstarrung lösen und lebendige Verwunderung werden.

Die Verwunderung suspendiert das Wissen und blickt auf das Rätselhafte des Mals, das nescio quid, ich weiß nicht, was es ist, ein gewisses Etwas. Das Mal umfaßt mit seiner Unbestimmheit das Zeichen, befreit es aus seiner Eindeutigkeit und macht es zu einer Hieroglyphe, die merkwürdig bleibt, weil sie ihr Geheimnis nie ganz preisgibt. Die Erkenntnis ist ein Ereignis. Sie gründet im Nichtwissen, im Vergessenhaben, in der Wiedererinnerung (Platon). Was hatte ich vergessen? Fast nichts, nichts Bestimmtes, ich weiß nicht was, Verwunderung. Sie läßt sich nicht festhalten und entgleitet mir immer wieder. Aber ohne sie keine Bewunderung.

 

 

Wittgenstein und Heidegger denken die Sprache.

Immer noch wird philosophiert. Eigentlich erstaunlich. Bis heute hält sich eine Liebhaberei aus dem alten Griechenland. Sie hätte sich längst verlieren können. Nach wie vor wird sie geachtet, obwohl sie keine ihrer Fragen ein für alle Mal beantwortet hat. Jede ihrer Antworten ist strittig gewesen und geblieben. Der Streit der Philosophen hat der Philosophie nicht geschadet.
Der Witz der Philosophie scheint nicht in ihren Ergebnissen zu liegen. Anders als die anderen Wissenschaften macht die Philosophie keine Fortschritte. Darin ist sie der Literatur, den Künsten ähnlich. Ihre Fortschritte bestehen oft aus Rückgriffen auf scheinbar Veraltetes, Überholtes. Die Philosophie kommt an kein Ende. Und doch verlieren die Philosophen nicht die Geduld mit ihr. Die Philosophie pflanzt sich fort, indem die Philosophen versuchen, die Philosophie zu Ende zu bringen. Das erregt Widerspruch. Und so geht es weiter.
Die Philosophie ist zählebig. Sie hat Traditionen ausgebildet und pflegt sie Auf sie kann man zur Not immer zurückgreifen. Zum Philosophieren gehört, die Tradition der Philosophie zu kennen und zugleich ignorieren zu können. Die Philosophie erneuert sich in einem klugen Maß von Hinwendung und Abwendung gegenüber der eigenen Geschichte. Wittgenstein ist ihr eher abgewandt, Heidegger ihr zugewandt.
Am Anfang der Philosophie steht ihr erster Märtyrer: Sokrates. Er befragt und untersucht die herrschenden Wissensformen, unter ihnen die älteren Weisheitslehren, und zieht sie so in die Philosophie hinein. Unter Platon wird die Liebhaberei akademisch, schulisch. Alsbald zerfällt die Philosophie in streitende Schulen, Sekten. Gegen eine Offenbarungsreligion wie das Christentum haben sie keine Chance. Das Christentum mißt seine Rationalität an der Philosophie und übertrumpft sie zugleich. Es stellt die Philosophie in den Dienst der Theologie. Doch die Magd kann gegen ihre Herrin aufbegehren und zu einer Alternative für aufgeklärte freie Geister werden, eine Vernunftsreligion, die auf historische Offenbarung verzichtet und sich nur auf Vernunft und Einsicht stützt.
An der Universität trocknet die Philosophie aus. Außerhalb der Universität droht sie, Literatur zu werden. Die Philosophie überlebt halbakademisch, halbliterarisch, halb professoral, halb dilettantisch. Von der Liebhaberei kann die Philosophie nicht gänzlich lassen. Die Figur des Philosophen geht weder in der Rolle des Dichters, Sehers oder Sektenführers auf noch in der des Gelehrten, des Forschers oder Hochschullehrers.
Die Universität verwaltet den Bestand der Philosophie. Erneuern kann sie sich oft nur im Abstand zur Universität. Manchmal ist der Abstand erzwungen wie bei Peirce, beim jungen Hegel oder späten Heidegger, manchmal gewollt wie bei Schopenhauer, Nietzsche oder Sartre. Manchmal hat er sich ergeben wie bei Leibniz oder Hume. Nicht immer ist das Universitätsleben erstrebenswert gewesen. Wittgenstein konnte es nur zeitweilig ertragen.
Fortgesetzt wird die Philosophie von denen, die sie zu Ende bringen wollen: Hegel, Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein. Die Fortsetzung ist eine Erneuerung. Erneuert wird die Philosophie, indem für ihre alten Themen ein neuer Ton gefunden wird. Das Instrument muß neu gestimmt werden. Mit der Zeit läßt die Spannung nach. Die Zeiten ändern sich auch. Sie aber bilden den Resonanzkörper. Die Saiten der Philosophie müssen gestimmt werden, damit sie wieder klingen. Die Zeiten sind nicht homophon. Erst im Abstand, aus der Entfernung klingen die Philosophien von Heidegger und Wittgenstein zusammen.
Der neue Ton äußert sich in der Sprache. Die Philosophen sind Sprachkünstler, nicht nur Platon, Seneca, Montaigne oder Nietzsche, sondern auch Aristoteles, Descartes, Kant oder Hegel. Philosophie ist „Begriffsdichtung“ (Lange). Zu den Begriffen gehören auch die Sprachbilder, die dem Begreifen aufhelfen.
Wittgenstein wie Heidegger haben die Sprache der Philosophie erneuert. Aber sie schlagen einen ganz verschiedenen Ton an. Wittgenstein zielt auf Leichtigkeit, Heidegger auf Schwere. Wittgensteins Sprache ist klassisch, einfach, klar und elegant im Stile von Hume oder Pascal. Heidegger hingegen kultiviert einen dunklen Stil, gotisch, expressionistisch, der sich von der Umgangssprache entfernt. In der Tradition von Aristoteles und Hegel erfindet er Kunstworte und lädt Alltagsworte mit Bedeutung auf.
Wittgenstein schreibt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ (T 7)Und Heidegger: „ Die Sprache spricht als das Geläut der Stille.“ (Unterwegs 30) In der Welt sein heißt für ihn Sorge, Angst, Sein zum Tod. Wittgenstein untersucht am Phänomen des Schmerzes den Unterschied der Personalpronomen ich und er. Jeder auf seine Weise sind Heidegger und Wittgenstein modern. Sie spüren einen Bruch mit der Vergangenheit. Die philosophia perennis kann nicht einfach fortgesetzt werden. Die Philosophie ist schlecht geworden. Sie muß zu Ende, zum Schweigen gebracht, überwunden werden, oder wie Heidegger sagt: verwunden. (Vorträge 75) Die schlecht gewordene Philosophie heißt Metaphysik.
Was ist Philosophie? Ein bestimmter Ton, eine gewisse Stimmung des Wissens, Wissen im Modus des Nichtwissens, sagt der platonische Sokrates, Wissen im Zustand der Liebhaberei, nicht in dem des gesicherten Besitzes und der Selbstverständlichkeit. Drei Formen des Wissens kommen in der Philosophie zusammen: Weisheit, Wissenschaft und Witz. Der Witz der Philosophie ist der Ton, in den sie Wissenschaft und Weisheit zusammenstimmt.
Weisheit ist das göttliche Wissen aus dem Mund der Dichter, das Wissen der Alten. Sie gibt der natürlichen Klugheit Gelassenheit. Der Kluge wird weise, wenn er im Triumph die Niederlage nicht vergißt. Die Weisheit stimmt die Klugheit auf ihre Begrenztheit ein, auf das unvermeidliche Ende. Weisheit ist eine unaufdringliche Macht. Sie argumentiert nicht. Wenn sie redet, spricht sie in Sentenzen, die Evidenz beanspruchen. Sie verzichtet auf Begründung. Denn die würde zu weit führen, zu hoch hinaus. Deshalb braucht die Weisheit die Autorität der Alten, der Dichter, der Seher. Wenn deren Autorität schwindet, werden die Sprüche in Frage gestellt und Gründe verlangt. Die Philosophie ist Weisheit in Zeiten der Aufklärung.
Das Wissen wird einsichtig, vernünftig. Es wird Wissenschaft. Sie rechtfertigt sich mit nachprüfbaren Gründen und Erfolgen. So wird auch die Philosophie Wissenschaft. Ihr Vorbild ist die Medizin. „Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit,“ bemerkt Wittgenstein (PU 255). Was die Medizin für den Leib ist, das behauptet die antike Philosophie, für die Seele und die ganze Stadtgemeinschaft zu sein. Die Philosophie behandelt das Verhältnis von Vernunft und Leidenschaften, unter ihnen Kummer, Sorge, Schmerz. Sorge kann aber auch Pflege bedeuten. So versteht sich die Philosophie als Sorge der Seele um sich selbst. „Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät,“ schreibt Wittgenstein im Stil der alten skeptischen Ärzte. (PU 593)
Die Philosophie will die erste Wissenschaft sein, denn sie untersucht die ersten Ursachen und Gründe dessen, was ist. Was ist das, was ist? Schon Aristoteles hatte diese Frage der Metaphysik mit einer Untersuchung der Sprache, des Satzes und des Prädikats beantwortet. Die Metaphysik verdinglicht das Sein, sagt Heidegger, durch eine Analogie von „Satzbau und Dingbau“ (Kunstwerk 15). Wird die Tatsache als Sache verstanden? „Oder wird gar der so vorgestellte Bau des Dinges entworfen nach dem Gerüst des Satzes?“ (Kunstwerk 15) Wittgenstein schreibt gleich zu Anfang seines Traktats: „ Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ (T 1.1) „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ (T 1)
Das Wissen wird Wissenschaft. Es gewinnt Macht über die Natur, über die Menschen und ihre Geschichte: Naturbeherrschung, Beherrschung der Leidenschaften, Selbstbeherrschung, Herrschaft über andere, Herrschaft über die Weisheit durch Auslegung der alten Schriften. Will die Philosophie an die Macht? Was ist der Witz ihres Wissens? Was weiß ich, wenn ich etwas weiß? Worauf kommt es der Philosophie letzten Endes an? Was ist die Pointe ihrer Wissenschaft? Freiheit durch Gewinnung von grundlegenden Einsichten, Freiheit durch Vernunft, Befreiung von bloßen Meinungen, Vorurteilen, von Kummer und Sorgen, den Leidenschaften, Abhängigkeiten aller Art, Freiheit der politischen Selbstbestimmung, kurzum freier Geist. Im Witz wird die Frage nach dem Grund noch einmal zugespitzt. Im Witz taucht der Grund hintergründig und hinterrücks auf, indirekt, paradox, ironisch auf den Kopf gestellt. Die sokratischen Fragen nach dem, was gut ist – und nur das ist in Wahrheit -, enden alle in Sackgassen. Doch diese Suche selbst – sie darf nur nicht ermüden – ist immer noch das Beste, was wir für unsere Seele tun können, sagt Sokrates.
Die Liebhaberei der Philosophie entsteht in einer Zeit der Aufklärung. Mit ihr bleibt die Philosophie dauerhaft verbunden. Doch der Witz der philosophischen Aufklärung, so wie sie von Platon und Aristoteles betrieben wurde, war es, das, was sie aufklärt, nicht abzuschaffen und zum Verschwinden zu bringen, sondern in ihren vernünftigen Momenten aufzuheben. So rettet sie die Weisheit, das Wissen der Dichtung, des Mythos, der Religion, in die Reichweite der aufgeklärten Vernunft. Heidegger rettet die Dichtung und die dunklen Sprüche der Vorsokratiker, Wittgenstein die von der Wissenschaft bedrohte Alltagssprache.
„Unsere Sprache,“ schreibt er, „ kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten, und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und einförmigen Häusern.“ (PU 18) Descartes hatte gerade diese verwinkelte Altstadt abreißen und eine ganz neue Stadt, das heißt: eine neue Philosophie aufbauen wollen. Philosophie ist Aufklärung der Aufklärung. Wittgenstein arbeitet sich vom Vorort, von den Elementarsätzen des Tractatus, zu den Sprachspielen und Lebensformen im Stadtkern vor, den „Philosophischen Untersuchungen“.
Die Philosophie beginnt mit der Liebhaberei, aber in Erscheinung tritt sie als Wissenschaft. So stehen am sichtbaren Anfang oft die großen wissenschaftlichen Entwürfe: Wittgensteins Tractatus, Heideggers „Sein und Zeit“. Die Bauten bleiben halbfertig liegen. Es waren Hilfskonstruktionen für den Anfang, Gerüste, Provisorien mit einer Fassade des noch zu vollendenden Systems. Der „Tractatus logico-philosophicus“ löst sich in unzählige Notizen auf, die Wittgenstein in Kladden zusammenheftet. In ihnen sticht der Sentenzen-Stil immer deutlicher hervor. Einzelne Sätze können wie Sprüche gelesen werden. Doch ihr Witz besteht darin, daß sie wie Pascals Aphorismen dennoch in einem systematischen Zusammenhang stehen.
„Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache holt.“ (PU 119) Philosophieren heißt, die Philosophie zu Ende zu bringen. Der unablässigen Bemühung Wittgensteins, „der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas (zu) zeigen“ (PU 309), entspricht Heideggers Anstrengung, die Metaphysik zu verwinden. Denn mit ihrer Überwindung verlängern und verschlimmern wir sie nur. Die Metaphysik, die erste Wissenschaft der Philosophie, verstellt, so Heidegger, den Zugang zum Sein, indem sie es vergegenständlicht und verdinglicht. Ihre geschichtliche Folge ist die moderne Technik. Die Natur wird „Bestand“ und „Gestell“, Gegenstand der Ausbeutung. Diesen Niedergang der „Seinsgeschichte“ verfolgt Heidegger in den großen Werken der Philosophiegeschichte. Der Hintersinn seiner Interpretationen ist die „Verwindung“ der Metaphysik.
In der Verwindung steckt wieder der Witz der Philosophie, durch Aufklärung nicht abzuschaffen, sondern aufzuheben. Die Metaphysik, die verstimmte, schlechtgewordene Philosophie, vernichtet, was sie bewahren will. Das Sein löst sich in Nichts auf. Nur Seiendes bleibt übrig, Dinge, Gegenstände. Die Metaphysik endet im Nihilismus, so Heidegger. Was können wir da noch tun? Warten, das heißt: hüten, pflegen, aufmerksam sein, sagt er. Wenn wir nicht wissen, was gut ist, hatte Sokrates gesagt, ist es das Beste, unverdrossen auf der Suche nach dem Guten zu sein. Was gut ist, das ist. Denn was in Wahrheit (aletheia) ist, kann nicht anders als gut sein. Aber es verbirgt sich, sonst müßten wir nicht suchen. Es verbirgt sich, aber es „winkt“ (Unterwegs 20, 200) dem Wartenden, sagt Heidegger. Und Wittgenstein: „Wo Andere weitergehen, dort bleibe ich stehen.“ (Gewißheit 543)
Das ist der Witz der Philosophie: unterwegs und doch in jedem Augenblick da sein. Die Wissenschaft schreitet beständig fort, die Dichtung und ihre Weisheit sind immer da. Die Philosophie erreicht ihr Ziel unterwegs. „Dahin zurückkehren, wo wir uns (eigentlich) schon aufhalten, dies ist die Art des Ganges auf dem jetzt nötigen Denkweg,“ schreibt Heidegger (Unterwegs 190). Und Wittgenstein: „In Wahrheit haben wir schon alles, und zwar gegenwärtig, wir brauchen auf nichts zu warten. Wir bewegen uns im Bereich der Grammatik unserer gewöhnlichen Sprache, und diese Grammatik ist schon da.“ (Schulte 95)
Die Philosophie braucht und verbraucht Begriffe. Neue Begriffe ersetzen alte. Ihre Bedeutungen verschieben sich unmerklich im Laufe der Zeit. So wird der Begriff der Vernunft im 19. Jahrhundert von dem des Sinns abgelöst. In ihm schwingt von Anfang an der Verdacht mit, daß er nur eine Illusion ist, eine Projektion auf das, was sinnlos ist und geschieht. Die Menschen reden sich den Sinn ein. Er ist eine Täuschung der Sprache, sagt Nietzsche. Der innersprachliche Sinn von Sätzen wird nach außen geworfen und spiegelt sich dort als Welt, als Geschichte, als Sinnzusammenhang. Der Begriff des Sinns und mit ihm der des Verstehens, der Deutung und Bedeutung führt aber die Philosophie zur Analyse der Sprache. Die Philosophie kehrt dorthin zurück, wo sie sich immer schon aufgehalten hat. Zoon logon echon, hatte Aristoteles den Menschen genannt, ein Wesen, das Sprache, das Vernunft hat. Logos kann beides heißen.
Bei der Sprache sind wir schon immer angekommen. In ihr „wohnen“ wir. Wittgenstein meint die gewöhnliche  Sprache, Heidegger die dichterische. Aber auch die gewöhnliche ist dichterisch. Sie dichtet die Welt, in der wir leben, den Alltag. „Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen,“ schreibt Wittgenstein (PU 129). Verborgen sind sie bewahrt, aber unsichtbar. Für Heidegger ist das Vernehmen der Dichtersprüche abseits der Alltäglichkeit die „Unverborgenheit“ des Sinns, für Wittgenstein ist Sinn der evident gewordene Unsinn: „Was ich lehren will: von einem nicht offenkundigen zu einem offenkundigen Unsinn überzugehen.“ (PU 464) Das erinnert an Freud. Dessen therapeutisches Ziel war es, „hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln.“ (246)
Wittgenstein schaut durch ein Mikroskop, Heidegger nimmt ein Fernrohr. Wittgenstein ist Ingenieur. Er hat ingenium, Sinn für Finessen und Witz, ein Städter. Beide bauen, Heidegger wie Wittgenstein. Doch Heidegger setzt bei der Landwirtschaft an, beim Ackerbau. (Vorträge 141) Heidegger ist ein Bauer. Bauen heißt für ihn pflanzen, anbauen und dann - ähnlich wie schon das Warten – pflegen, schonen, wohnen.
Als erstes muß eine Grenze gezogen, ein Bauzaun errichtet werden gegen das Gerede (Heidegger), das Geschwafel (Wittgenstein). Philosophieren heißt wohnen, sich in guten Gewohnheiten einrichten. Aber noch ist nichts da außer einem Zaun gegen schlechte Gewohnheiten. Woher weiß ich am Anfang, was gut und schlecht ist? Eine Bauhütte, ein Wohncontainer, muß her, eine provisorische Moral auf Empfehlung von Descartes, eine Übergangslösung für die Zwischenzeit, bis der wissenschaftliche Neubau, das philosophische System fertig ist.
Der Anfang ist Vorbereitung, Zurüstung. Bevor gebaut werden kann, muß man ein Gerüst aufbauen. Für den Autor des Tractatus bildet die Logik ein Gerüst von Elementarsätze. (T 3.42, T 4.0134, T 6.124) Heidegger benutzt das Bild des Baugerüstes, wenn er zeigen will, daß seit Aristoteles die Sprache so aufgefaßt wird, als gäben sich die Menschen mittels Sprache Zeichen, um sich zu verständigen, als spräche der Mensch und nicht die Sprache. (Unterwegs 204, 244 f) Die Menschen „entsprechen“ ihr höchstens, so Heidegger, sie wohnen in ihr. Das Gerüst ist die Leiter, die man wegwerfen kann, wenn man über sie hinausgestiegen ist. (T 6.54) Sie kann aber auch stehen bleiben als Übungsgerät in der Turnhalle der Philosophie.
Was macht der Philosoph? Er trifft Vorbereitungen, er rüstet sich. Er baut ein Gerüst für etwas, das noch kommt und das Gerüst überflüssig macht. Aber dann merkt er: alles, was gebaut werden sollte, ist schon da. Er wohnt schon in der Sprache. Wir folgen immer schon ihrem Labyrinth, ohne es verstanden zu haben. Bauzaun, Baubude und Baugerüst  gaben nur den nötigen Abstand und Aufschub, um zur Alltagssprache zurückzukehren. Der Philosoph brauch gar nichts zu machen. Die „Philosophie läßt alles, wie es ist.“ (PU 124) Denn die Weisheit liegt auf der Straße. Sapientia foris praedicat (Sprüche 1,20). Von außen zeigt sie die Wege nach draußen. Das Gerüst war die Wissenschaft. Die Liebhaberei konnte nicht bei ihr haltmachen, mußte über sie hinaus, hinter ihr zurückgehen. Die Philosophie findet ihren Ton, wenn sie diese Bewegung in jedem Moment vollzieht: sich durch einen Bauzaun abgrenzen, ein wissenschaftliches Gerüst errichten und auf ihm die Weisheit jenseits des Zauns aus dem Unsinn heraushören.
Der Witz der Philosophie ist nicht der Scharfsinn ihres Denkens, sondern die Weisheit im Rücken ihrer Wissenschaft. Deshalb wird das alte Instrument immer noch gespielt und immer wieder neu gestimmt. Das Spiel ist ein Sprachspiel. Die Sprache spielt es mit dem Philosophen. Sie instruiert ihn.
„Platte,“ ruft der Meister zu seinem Gehilfen. Damit, sagt Wittgenstein, meint der Meister nicht: das da ist eine Platte, sondern: hol’ mir eine von diesen Platten! (PU 2, 19) Der Meister – darin sind sich Heidegger und Wittgenstein einig – ist die Sprache. Sie baut. Wir, ihre Handlanger, sind im besten Fall gerüstet.
Die Philosophie hält sich als Provisorium, als Gerüstbau. Die Gerüste sind für den Anfang. Der Witz der Philosophie besteht darin, die Gerüste abzubauen. Die Philosophie hält sich im Abschied von sich selbst.

 

 

 

Ich bin ein Neanderthaler, in: Lettre International 109, 2015

Spott und Bewunderung, in: Merkur Juni 2014

Flecken, in: Harte Bank

 

Die Hyperbel, in: Moneten

Der Löffel, in: Notlösung

 

Das Geländer, in: Lettre International 102, 2013

Die Intonation der Orgel, in: Orgel und Container

Der Löffel, in: Notlösung

Weggehen, in: Enger Spielraum

Brauchen Wohnen Nehmen, in: Enger Spielraum

Packen, in: Harte Bank

Bauen, in: Enger Spielraum

Freispruch, in: Notlösung

 

Fallen, stürzen, in: Enger Spielraum

Unisono, in: Lettre International 24, 1994

Was ist Philosophie?

Im Bauch des hölzernen Pferdes, in: Moneten

 

Nichts Besonderes, in: Auf der Suche nach Einfachheit

Auf dem Rücken Amerikas

gleich gültig, in: Harte Bank

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