HANNES BÖHRINGER

Das Geländer

Merkwürdig

Gerüst oder Bau

 

rauf und runter

Ich brauche Boden unter den Füßen. Denn ich kann nicht fliegen. Im Wasser gehe ich nach einiger Zeit unter. Ich brauche den Boden, um mich auszuruhen, auch wenn er unter mir schwankt. Wir leben mit der Erdenschwere. Darum ist das Hüpfen und Springen so schön.

Die kleinen Kinder strampeln mit Händen und Füßen, drehen, wälzen sich, beginnen auf allen Vieren zu kriechen, richten sich auf, halten sich dabei mit den Händen fest und lernen zu gehen. Früher oder später laufen sie den Eltern davon.

Gehen, laufen, rennen heißt Schritte machen, die Beine längs spreizen, das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern, nach vorn fallen, sich auffangen und dadurch vorankommen. Mit jedem Schritt überquere ich ein Stück Boden und kann über Stock und Stein gehen. Der Wagen rollt nur auf Wegen, auf denen Hindernisse beiseite geräumt sind.

Das Gelände ist voller Hindernisse, Gewächse, Steine, Gewässer, uneben und holprig. Es geht rauf und runter, Hügel, Mulden, Berge, Täler. Das Gehen ist ein Hoch- und Hinuntersteigen. Doch das Auf und Ab verläuft nicht gleichmäßig. Das Ziel ist nicht oben und nicht unten. Aber um ans Ziel zu kommen, muß man Höhen und Tiefen passieren. Kein Aufstieg ohne zwischenzeitliche Abstiege, kein Abstieg ohne Aufstiege unterwegs.

Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Sonst kann ich nicht gehen. Ich versinke sonst. Wenn ich müde bin, möchte ich ausruhen, sitzen oder liegen auf dem Boden oder auf einem Gestell, Bett, Liege, Sessel oder Stuhl. Sie stehen auf dem Boden in Wohnungen, Häusern oder im Freien. Die Möbel brauchen einen ebenen Boden, sonst wackeln sie. Auch auf Schiffen und in Flugzeugen kann man liegen, sitzen, stehen und gehen. Früher oder später aber laufen sie einen Hafen an und landen auf dem Boden.

Die künstlich veränderten oder hergestellten Böden sind ebenmäßig. Das Auf und Ab soll so weit wie möglich verringert und eingeebnet werden. Die Möbel sollen nicht wackeln oder rutschen, die Wägen nicht springen, die Fußgänger nicht stolpern. Die Stockwerke der Häuser sind waagerecht. Die Höhenunterschiede werden mit Treppen überwunden. Ihre Stufen sind gleich hoch. Aufzüge fahren senkrecht nach oben und unten. Für Kinderwägen und Rollstühle gibt es flache Rampen, abgeflachte Bordsteine, um für Räder schwer überwindliche Stufen zu vermeiden.

Die Menschen schreiten. Auch wenn sie rennen, machen sie Schritte. Es macht ihnen darum nichts aus, alles, was sie angehen, nicht sofort auf einen Schlag zu erreichen, sondern beharrlich Schritt für Schritt. Gehen und Schlucken unterteilen ein Ganzes in kleine Portionen. Das Ganze auf einmal ist zu viel. Aber in Etappen, eins nach dem anderen, kann es geschafft werden. Der Preis für die Klugheit der kleinen Schritte: das Ganze ist immer ein Stückwerk. Doch vor den Einzelschritten muß der große Sprung der Vorstellung gleich ans Ziel in einem Satz und ohne Anlauf  da gewesen sein. Denn der erst setzt die Schritte der Verwirklichung in Gang, begleitet sie und verändert sich jederzeit im Nu mit ihnen.

Alles nach und nach anzugehen, bewährt sich vor allem im Hoch- und Hinuntersteigen. Im Steilen und Abschüssigen suchen die Füße von selbst einen sicheren Tritt, eine Stufe im Schrägen, die Hände tasten nach Halt an der Wand oder am Boden. So geht es Schritt für Schritt weiter, bis das Gelände wieder flacher und leichter zu begehen ist.

Stufen machen aus der Schräge eine Treppe, eine Stiege, die Höhenunterschiede überquert. Wand und Geländer sichern meistens die Seiten der Treppe. Wieviel Raum gibt man ihr in der Ökonomie des Gebäudes? Ist sie Hilfsmittel für den Notfall, wenn die Aufzüge ausfallen, oder ein großzügiges, repräsentatives Gebilde?

Längst sind Treppenstufen in Länge, Höhe und Tiefe normiert. Das Bild der Treppe lädt geradezu ein zur Normierung und Hierarchisierung, ein Sinnbild wie die Leiter für Aufstieg und Abstieg. Alle wollen nach oben. Doch die Kunst ist das Herunterkommen, das Wiederaufstehen nach dem Fall, das Weitermachen im Auf und Ab des Lebens.

 

halt, los

Ist die Nabelschnur durchschnitten, ist das kleine Kind lose, ein lebendiges Paket, das dahin oder dorthin abgelegt werden kann, bis es sich fortbewegt und sich selbständig macht. Es will loskommen von zu Hause. Doch das Lose braucht Halt. Den aber empfindet es als Hindernis, das es zu überwinden gilt.

Die Menschen sind nicht nur körperlich, sondern auch geistig beweglich. Das macht sie in besonderem Maße lose. Sie haben Meinungen und können sie wechseln. Sie lernen dazu, haben einschneidende Erlebnisse und ändern ihr Leben. Dann machen sie wieder neue Erfahrungen und so weiter. Oft können sie sich nicht entscheiden und schwanken zwischen ja und nein. Sie brauchen Anerkennung und geben diesem und jenem Recht. Sie passen sich an und wollen zugleich ein eigenes Urteil, eine eigene Meinung haben, unabhängig sein.

Wenn nicht schwerer Zwang herrscht, handeln die Menschen freiwillig. Die Bindung an Personen oder Überzeugungen, die sie eingehen, sind Selbstverpflichtungen. Sie können sich von ihnen lösen. Das lose Wesen verdankt der Mensch seiner Freiheit. Es macht ihn aber auch unzuverlässig.

Die Menschen selbst fürchten ihr loses Wesen und versuchen, sich festzubinden, damit sie nicht auf abschüssigem Gelände hinunterkollern. Sie versuchen, sich zu halten. Halt finden sie außen und innen.

Halt heißt: bis hier und nicht weiter! Ein Ende, eine Grenze ist erreicht. Ich muß anhalten, stehen bleiben oder umkehren. Das Halten kann von außen erzwungen oder freiwillig sein: Es geht nicht mehr weiter, oder ich gehe nicht mehr weiter. Ich stehe vor einer Wand, einem Abgrund. Ich kann weitergehen und hinunterstürzen. Es steht mir frei, vor die Wand zu rennen. Auch der äußere Halt muß akzeptiert werden.

Halt finden die Menschen nicht in der Mitte – die Mitte schwankt und hat kein Geländer – , sondern an den Rändern. Grenzen geben eine Form. Formen geben Halt: Üblichkeiten, Konventionen, Sitten, Regeln, Gesetze, Grundsätze. Der Halt wird ebenso verinnerlicht wie veräußerlicht. Der äußere entlastet das eigene Innere, muß aber dort wirksam verankert sein.

Die Menschen halten sich. So gewinnen sie Haltung. Die hält sie zusammen, hält sie bedeckt, verschlossen und verrät doch einiges über ihren Inhalt. Sich halten heißt sich erhalten, sich behalten, sich nicht verloren gehen, sich im Auge, im Gedächtnis behalten, sich bewahren und erinnern. Ich bin der Behälter meiner selbst, er enthält, woran ich festhalte und festgehalten werde. Ich bin ein Behälter, der einen äußeren Behälter braucht, wo er sich aufhalten kann bei dem, was ihn festhält, eine Bleibe, eine Wohnung, eine Gemeinschaft.

Ich brauche Halt für mein loses Wesen. Aber der Halt hält mich auch fest und zwängt mich ein. Ich will loskommen von ihm. Ich will frei sein. Ich brauche eine Lösung für diese Schwierigkeit, einen Halt, der eingrenzt und befreit, der haltbar und beweglich ist, fest und flüssig zugleich.

 

stop

Ich muß anhalten. Es geht nicht weiter: ein Hindernis. Ich räume es aus dem Weg oder umgehe es. So mache ich Umwege über Umwege und verliere darüber mein Ziel aus dem Auge. Halt! Wohin, worauf hinaus will ich überhaupt? Erst wenn ich mich auf etwas ausrichte, auf etwas zugehe, weil ich in einem Satz, in imaginativer Vorwegnahme, schon darauf zugesprungen war, können Hindernisse auftauchen und dazwischenkommen, Schwierigkeiten. Umstände werden Widerstände. Der Halt von vorn kommt mir in die Quere. Was tue ich nun? Auf alle Fälle brauche ich mehr Zeit, um die Schwierigkeit aufzulösen, das Hindernis zu übersteigen, beiseite zu räumen oder zu umgehen.

Der Halt von vorn zwingt mich zum Halten und Nachdenken. Ich muß längere Wege gehen, Umwege, Auswege suchen. Ich brauche Geduld, ich muß beharrlich, aber auch beweglich sein, wenn nötig ein Stück zurückgehen, um Anlauf zu nehmen, das Hindernis zu überspringen, eine Lösung in mehreren Schritten zu finden, eine Leiter zu bauen, mit der ich das Hindernis übersteigen kann, Werkzeuge zu beschaffen oder überhaupt erst zu schaffen, mit denen ich wiederum die Hilfsmittel zur Überwindung  oder Lösung der Schwierigkeiten herstellen kann.

Weil ich die Wand nicht senkrecht hoch- oder herunterkomme, setze ich eine Rampe davor, eine schräge Ebene und säge Stufen aus, eine Treppe. Die kann ich Schritt für Schritt empor- oder herabsteigen. Ich kann dabei auch, wenn ich will, zwei Stufen auf einmal nehmen. Für Wägen und ihre Räder, die keine Stufen überqueren können, müssen die Wege noch flacher, also länger sein.

Der Halt von vorn kann von Umständen, Ereignissen erzwungen werden oder von Mächten, die gebieten und verbieten können. Ihr Halt reizt zur Übertretung, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Doch hört es damit nicht auf, Einhalt zu gebieten. Gebote und Verbote stützen eine Gesellschaft und das Leben des Einzelnen von außen, zäunen das Verbotene ein und lassen einen Freiraum des Erlaubten. Sie regeln den Verkehr und ermöglichen in Grenzen Bewegungsfreiheit.

Die Zäune um das Verbotene sind verschieden hoch und verschieden durchsichtig. Doch auf Einsicht kann sich der Halt nicht verlassen. Wir lehnen uns an die Brüstung einer Aussichtsterrasse, schauen ins Land und freuen uns, daß wir von der Brüstung gehalten werden und nicht in die Tiefe stürzen. Den Zaun, die Einfriedung kann man gut aushalten, wenn man sie öffnen und weggehen kann.

 

Rückhalt

Weiß ich, was mich bewegt? Ich bin losgegangen. Ich war lose. Da hat mich ein Ziel angezogen. Ich wollte loskommen von hier. Weiß ich, ob ich nicht hinterrücks auf das Ziel zugetrieben werde, das mich anzuziehen scheint? Was mich von hinten antreibt, hält mich fest an dem, wovon ich mich befreien wollte. Ich steuere meine Bewegungen. Ich bewege mich. Doch ihren Antrieb kenne ich nur indirekt. Er ist in meinem Rücken. Wie ich mich auch drehe und winde, reflektiere, ich kann das, was mich treibt, nur aus meinen Bewegungen erschließen.

Ich gehe vorwärts. Ich bin nach vorn ausgerichtet. Ich muß mich umdrehen, um nach hinten zu schauen. Dann sehe ich aber nicht, was vorne vorgeht. Was in meinem Rücken geschieht, ist darum Anlaß ständiger Besorgnis. Denn von hinten kommen die Überraschungen. Die Vorsicht sieht voraus. Ich brauche deshalb Rückendeckung vom Gelände oder von anderen, die mich nach hinten absichern und auf die ich mich verlassen kann.

Der Rücken ist anfällig und muß viel aushalten. Es ist anstrengend, aufrecht und aufrichtig zu sein, sich nicht zu verbiegen und zu ducken. Rückschläge müssen verkraftet, Widerstände gebrochen und Verantwortung getragen werden. Der Rücken hat einiges zu schultern. Darüber wird er krumm. Er braucht Rückhalt.

Rückhalt ist der stützende Halt von hinten, den ich nicht sehe, auf den ich mich aber verlasse: Vertrauen. So traue ich mich loszugehen und mich nicht ständig umzudrehen. Ich vertraue darauf, daß der Stuhl, auf dem ich sitze, eine Rücklehne hat, die hält, wenn ich mich zurücklehne. Sie hält den Rücken. Ob ich mich vornüber gegen die Brüstung lehne, seitwärts oder rückwärts gegen eine Wand, ich vertraue dem Halt, den ich suche. Das Lehnen neigt sich dem erwarteten Halt zu und ist erschreckt, wenn er überraschend ausbleibt. Rückhalt erwartet man von dem, welchem man zugeneigt ist. Die Neigung ist die Schräge, die angelehnte Leiter, mit deren Hilfe man Hindernisse überwinden kann.

Der Rückhalt ist die Rückenlehne des Stuhls, in den ich mich fallen lasse. Ich vertraue darauf, daß er mich auffängt. Der Rückhalt ist affektiv. In Vertrauen und Neigung eingepackt und noch tiefer versteckt sind die Antriebe, die Herkunft und Zukunft verbinden, der Proviant im Rucksack, wenn man losgeht.

 

Geländer

Ich brauche Halt. Denn ich bin lose. Ich muß mich irgendwo festhalten können, wo ich gehalten werde: Familie, Freunde, Vereine, Glaubensgemeinschaften, Meditation, Philosophie, Gartenarbeit, Sport, Tanzen. Der Halt ist eine Stütze im Alltag des Lebens und zugleich eine Unterbrechung, ein Innehalten. Ich brauche Pausen. Ich kann nicht einfach immer weiter gehen und machen. Immer wieder muß ich mich ausruhen, hinlegen, dösen, schlafen, mich ablenken, an etwas anderes denken, an nichts denken, innehalten.

Wie kann man die Funktion des Halts, Unterstützung und Erholung, in das Auf und Ab des Alltags integrieren? Als Geländer am Rande, an der Seite. Man sieht es aus den Augenwinkeln. Es ist da und bei Bedarf zur Hand. Als schlanke, elegante Linie führt es mich durch die Windungen des Auf- und Abstiegs. Doch die Führung ist unaufdringlich. Sie hält sich zurück und gibt sich als Begleitung, Unterstützung der Bewegungsrichtung und Entlastung im Rauf und Runter.

Geländer heißt meist Brüstung mit Handlauf. Wenn schon ein Zaun zur Sicherheit angebracht werden muß, damit niemand aus Versehen in die Tiefe fällt, versehen wir ihn doch gleich mit einem Handlauf! Das Geländer ist ein Halt zur Seite hin, zur offenen Flanke. Dieser Halt zwingt nicht zum Anhalten, er begleitet mich im Weitergehen. Er treibt mich nicht an wie der unsichtbare Rückhalt. Doch die Linie des Handlaufs verflüssigt meinen Schritt.

Wer auf Geländer angewiesen ist, prüft sie auf ihre Handhabbarkeit. Häufiger nimmt man sie nur nebenbei wahr, wenn man die Treppen hoch- oder hinuntereilt. Manchmal jedoch bleibt man stehen und bewundert sie. Da gibt es den Handlauf, der anfängt und aufhört, Stückwerk an jeder Wand im Treppenhaus, aber auch die unendliche Linie, die den Winkeln und Kurven der Treppe nach oben folgt und oben über eine Brüstung weitergeführt wird und am unteren Ende der Treppe andeutungsweise im Boden oder in der Seitenwand verschwindet, als ob sie dort weiterginge, oder sich an ihren Enden in sich selbst zurückwindet.

Ich bin lose, ich brauche Halt, aber er darf mich nicht aufhalten, weiterzukommen in meinem Auf- und Abstieg. Der Halt soll mich begleiten. Ich halte mich an das, was mich hält. Ich greife nach dem, was mich ergreift. Nicht alles, was ich begreifen will, kann ich ergreifen. Es entgleitet mir, ich rutsche ab. Es hält mich nicht fest, ich gehe, rutsche, stürze weiter, bis ich wieder etwas greifen und für eine Weile festhalten kann.

Der Antrieb im Rücken treibt mich vor sich her. Ich versuche, den Trieb zu steuern. Er gibt den schwerfälligen Schritten Schwung. Beschwingt gehe ich wie auf einem Laufband. Die Menschen können nicht fliegen und halten sich nur begrenzte Zeit im Wasser. Aber sie können vom Fliegen, Segeln, Schwimmen für ihr Vorgehen lernen, Widerstand und Kraft zu verringern, Strömungen, Gefälle für die eigenen Fortbewegungen auszunützen, das Fahrzeug rollen zu lassen, weniger Schritte machen als vielmehr zu schlindern, zu schliddern, zu gleiten. Man muß sich dabei nur im Gleichgewicht halten, sonst rutscht man aus und schlägt hin.

Gleiten ist das Gegenteil von Schreiten. Der Schritt braucht Halt. Er darf nicht rutschen. Das Gleiten übersteigt nicht die Schwierigkeiten, es springt mit Schwung über sie hinweg oder umkurvt sie. Es darf nur nicht anhalten und Fahrt verlieren.

Das Gleiten kann es sich nicht leisten, stehen zu bleiben und nachzudenken, wohin es will. Es will einfach nur weitergleiten. Es gelingt nur im Kontinuum. Deshalb läuft es immer Gefahr, abzugleiten und zu schweifen. Wie kann das Gleiten gehalten, davon abgehalten werden zu entgleiten? Auch das Gleiten braucht Richtung und Halt, am Ende einen Auslauf.

Ich gleite und greife. Der Begriff gibt Halt, die Aufmerksamkeit aber muß fließen. Sonst entgeht ihr zu viel. Das Geländer muß beides ermöglichen: gleiten und greifen. Die freie Hand sucht das Treppengeländer zur leichten Unterstützung des Gleichgewichts und rutscht, während die Füße die einzelnen Stufen nehmen müssen, herauf oder hinunter, muß aber jederzeit zupacken können, wenn es nötig wird. Ein gutes Geländer ist rutschig und griffig zugleich. Die Rolltreppe überträgt das Gleiten der Hand auf den ganzen Körper. Ihre Stufen müssen nicht mehr erstiegen werden. Man bleibt auf ihnen einfach stehen und gleitet nach oben oder unten.

Die Hand gleitet, die Füße machen Schritte. Beides zugleich ist die Kunst: sich aufrecht und im Gleichgewicht zu halten mit widerständigem Halt und ohne ihn, das Ganze in Stufen, Stücke, Portionen zu teilen und dabei eine große Linie zu ziehen, Ecken und Kanten mit Kurven zu verbinden, das Kontinuum mit dem Diskreten.

Ich bin lose. Ich rutsche und gleite dahin, wenn ich nicht Tritt fasse. Ich brauche Halt. Ich will mich selber halten, aufrecht sein: Haltung, Contenance, Selbstbeherrschung, das Innere zurückhalten, das mich zu etwas hinreißt, dem ich nicht widerstehen könnte. Ich muß aufpassen, daß ich mir nicht selbst entgleite im Auf und Ab des Lebens. Ich begreife mich nicht. Was ich im Griff habe, ist immer nur etwas, aber bin nicht ich. Doch es gibt mir Halt, wenigstens etwas in der Hand zu haben, einen Stock, eine Aktentasche, eine Flasche Wasser oder irgend etwas anderes. Ich halte etwas in der Hand und halte mich daran fest wie an einem Geländer.

Was ich handhabe, ist in meiner Gewalt. Ich mache damit, was ich will, werfe es weg, schlage damit um mich, stecke es in den Mund, spiele damit, verbinde mich mit Abwesenden oder spüre es einfach nur in meiner Hand. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Willen nach Beherrschung das noch tiefer sitzende Sicherheitsbedürfnis von losen Wesen, ihr Verlangen nach Halt. Wir wollen etwas in der Hand haben, damit wir uns daran festhalten können. Wieviel Halt brauchen wir? Sicherheitshalber immer mehr.

 Ich muß mich irgendwo festhalten oder anlehnen. In mir habe ich keinen Halt. Drum halte ich mich an das, was ich handhabe, beherrsche. Was ich jedoch in die Hand nehme, nimmt mich an die Hand. Es fehlt mir alsbald, wenn es einmal nicht da ist. Ich muß es jederzeit spüren. Es ist mein Begleiter, mein Führer geworden. Das Geländer hört nicht auf. War das Leben jemals freihändig?

 

 

 

 

 

merkwürdig

Ich bin nicht immer aufmerksam, passe nicht auf, schweife ab, mache Fehler. Deshalb versuche ich, mich zu konzentrieren, und mache Fehler, weil ich meine Aufmerksamkeit, um sie zu erhöhen, einschränke. So entgeht mir vieles. Die Aufmerksamkeit gleitet, sie begleitet das Geschehen. Und doch ereignet sich das Geschehen in der Aufmerksamkeit, fast unmerklich oder auffällig. Ich merke es und merke es mir.

Ich bin unaufmerksam und vergeßlich. An manches erinnere ich mich, an manches nicht. Oft war es nicht so wichtig, aber manchmal doch. Die Erinnerung begleitet die Aufmerksamkeit. Sie gibt ihr Tiefenschärfe: damals – jetzt, Wiedererkennung und Beobachtung der Unterschiede. Wenn die Beachtung der Differenz verloren geht, ist alles wie gewöhnlich, wie immer, nichts Neues. Über das, was passiert, legen sich die Zeichen der Vergangenheit, das Wissen. Alles bekannt, alles wiedererkannt. Das Vergessen geschieht unmerklich.

Wie bemerke ich mein Vergessen? Ich muß auf die Lücken gestoßen werden. Es muß etwas passiert sein. Ich habe etwas verpaßt oder verloren. Im Nachhinein fällt es mir auf. Damit es mir nicht noch einmal passiert, mache ich einen Knoten ins Taschentuch, Erinnerungszeichen, Merkzettel, Markierungen im Kalender, Denkmäler, kleine und große Monumente (von lat. monere = ermahnen, erinnern). Woran will oder soll sich eine Gesellschaft erinnern? Überall stehen Monumente, und ich beachte sie nicht.

Ein Monument soll bemerkbar sein, auffällig. Deshalb ist es oft groß und überhöht. Es steht zeichenhaft auf einem Hügel, einem Sockel, auf einem „Erdaufwurf“ (Semper). Welches Ereignis ist unter ihm begraben? Es soll wachgehalten werden und wird verschüttet. Das Denkmal ist ein Grabmal. So beginnt die Kultur. Das Vergangene ist nicht einfach vorbei, es reicht in die Gegenwart hinein. Die Gegenwart ist nicht ohne ihre Geschichte, Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.

Was aber ist unter dem Denkmal begraben? Ich finde nur Bruchstücke. Die Erinnerung ist löchrig. Ist die Mahnung in ein Loch gefallen? Das Loch wird zugeschüttet, ein Mal, eine Stelle, ein unbestimmter Fleck. Ein lesbares Zeichen, klar und einfach, muß her, um dem Fleck Name und Gestalt zu geben: Gott, Kaiser, Nation, Gerechtigkeit, Freiheit, Reichtum, Sport, die Musen, Kunst- und Kriegshelden und die unzähligen Opfer. Das eine kann vom anderen ersetzt werden. Aber da war doch noch etwas anderes! Das habe ich vergessen. Liegt es verborgen unter dem Mal? Ich grabe nur Reste der Vergangenheit aus.

Monumente sind meist monumental. Sie demonstrieren Macht durch Größe. Das imponiert. Größe ist ein einfaches, klares Zeichen. Ich staune und starre (griech. styo = starren, aufrichten). Mein Starren richtet sich nach oben und stützt die Säulen (styloi) der Herrschaft. Monumente dienen der Aufrichtung und Aufrechterhaltung von Macht bis ins Kleinste. Meine Merkzettel helfen mir, den Alltag zu meistern. Ich will Herr meiner selbst bleiben.

Die grandiose Natur ist absichtslos. Die große Architektur will etwas von mir, redet auf mich ein, will mich betören oder einschüchtern, stellt sich aus, baut sich vor mir auf und erheischt noch Anerkennung, wenn sie sich vornehm zurückhält. Ein Glück, daß die Gewohnheit ihre Stimmen in den Hintergrund drängt. Ich brauche Abstand, Auffrischung der Aufmerksamkeit, eine Reise zu den Weltwundern der Architektur. Sie müssen gar nicht monumental oder kolossal sein, nicht groß, aber großartig. Die Unterbrechung der Gewohnheit ermöglicht das Wunder, das Sich Wundern und Staunen.

Die Weltwunder, griechisch theamata, sind Sehenswürdigkeiten auf einer Bildungsreise. Die Worte theama (Anblick, Schauspiel, Sehenswürdigkeit), theoria (Festschau, Schaupiel) und thauma (wunderbarer Anblick, Wunder) sind miteinander eng verwandt. In allen drei Fällen geht es ums Sehen, Schauen, Staunen, um das Beteiligtsein als Zuschauer an einem Schauspiel in festlich gehobener Stimmung. Für Platon und Aristoteles war diese Form der Verwunderung der Anfang der Philosophie.

Das Mal des Denkmals ist nicht nur eine hervorgehobene Stelle im Raum, sondern auch ein Moment in der Zeit, ein Augenblick, ein Ereignis. Auf ein Mal habe ich etwas mit anderen Augen gesehen. Seitdem sehe ich alles anders. Diesen bewegenden Augenblick (movere, momentum) merkt sich die Aufmerksamkeit. Indem sie sich von ihm begleiten läßt, kann sich das Staunen aus der Erstarrung lösen und lebendige Verwunderung werden.

Die Verwunderung suspendiert das Wissen und blickt auf das Rätselhafte des Mals, das nescio quid, ich weiß nicht, was es ist, ein gewisses Etwas. Das Mal umfaßt mit seiner Unbestimmheit das Zeichen, befreit es aus seiner Eindeutigkeit und macht es zu einer Hieroglyphe, die merkwürdig bleibt, weil sie ihr Geheimnis nie ganz preisgibt. Die Erkenntnis ist ein Ereignis. Sie gründet im Nichtwissen, im Vergessenhaben, in der Wiedererinnerung (Platon). Was hatte ich vergessen? Fast nichts, nichts Bestimmtes, ich weiß nicht was, Verwunderung. Sie läßt sich nicht festhalten und entgleitet mir immer wieder. Aber ohne sie keine Bewunderung.

 

 

Wittgenstein und Heidegger denken die Sprache.

Immer noch wird philosophiert. Eigentlich erstaunlich. Bis heute hält sich eine Liebhaberei aus dem alten Griechenland. Sie hätte sich längst verlieren können. Nach wie vor wird sie geachtet, obwohl sie keine ihrer Fragen ein für alle Mal beantwortet hat. Jede ihrer Antworten ist strittig gewesen und geblieben. Der Streit der Philosophen hat der Philosophie nicht geschadet.
Der Witz der Philosophie scheint nicht in ihren Ergebnissen zu liegen. Anders als die anderen Wissenschaften macht die Philosophie keine Fortschritte. Darin ist sie der Literatur, den Künsten ähnlich. Ihre Fortschritte bestehen oft aus Rückgriffen auf scheinbar Veraltetes, Überholtes. Die Philosophie kommt an kein Ende. Und doch verlieren die Philosophen nicht die Geduld mit ihr. Die Philosophie pflanzt sich fort, indem die Philosophen versuchen, die Philosophie zu Ende zu bringen. Das erregt Widerspruch. Und so geht es weiter.
Die Philosophie ist zählebig. Sie hat Traditionen ausgebildet und pflegt sie Auf sie kann man zur Not immer zurückgreifen. Zum Philosophieren gehört, die Tradition der Philosophie zu kennen und zugleich ignorieren zu können. Die Philosophie erneuert sich in einem klugen Maß von Hinwendung und Abwendung gegenüber der eigenen Geschichte. Wittgenstein ist ihr eher abgewandt, Heidegger ihr zugewandt.
Am Anfang der Philosophie steht ihr erster Märtyrer: Sokrates. Er befragt und untersucht die herrschenden Wissensformen, unter ihnen die älteren Weisheitslehren, und zieht sie so in die Philosophie hinein. Unter Platon wird die Liebhaberei akademisch, schulisch. Alsbald zerfällt die Philosophie in streitende Schulen, Sekten. Gegen eine Offenbarungsreligion wie das Christentum haben sie keine Chance. Das Christentum mißt seine Rationalität an der Philosophie und übertrumpft sie zugleich. Es stellt die Philosophie in den Dienst der Theologie. Doch die Magd kann gegen ihre Herrin aufbegehren und zu einer Alternative für aufgeklärte freie Geister werden, eine Vernunftsreligion, die auf historische Offenbarung verzichtet und sich nur auf Vernunft und Einsicht stützt.
An der Universität trocknet die Philosophie aus. Außerhalb der Universität droht sie, Literatur zu werden. Die Philosophie überlebt halbakademisch, halbliterarisch, halb professoral, halb dilettantisch. Von der Liebhaberei kann die Philosophie nicht gänzlich lassen. Die Figur des Philosophen geht weder in der Rolle des Dichters, Sehers oder Sektenführers auf noch in der des Gelehrten, des Forschers oder Hochschullehrers.
Die Universität verwaltet den Bestand der Philosophie. Erneuern kann sie sich oft nur im Abstand zur Universität. Manchmal ist der Abstand erzwungen wie bei Peirce, beim jungen Hegel oder späten Heidegger, manchmal gewollt wie bei Schopenhauer, Nietzsche oder Sartre. Manchmal hat er sich ergeben wie bei Leibniz oder Hume. Nicht immer ist das Universitätsleben erstrebenswert gewesen. Wittgenstein konnte es nur zeitweilig ertragen.
Fortgesetzt wird die Philosophie von denen, die sie zu Ende bringen wollen: Hegel, Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein. Die Fortsetzung ist eine Erneuerung. Erneuert wird die Philosophie, indem für ihre alten Themen ein neuer Ton gefunden wird. Das Instrument muß neu gestimmt werden. Mit der Zeit läßt die Spannung nach. Die Zeiten ändern sich auch. Sie aber bilden den Resonanzkörper. Die Saiten der Philosophie müssen gestimmt werden, damit sie wieder klingen. Die Zeiten sind nicht homophon. Erst im Abstand, aus der Entfernung klingen die Philosophien von Heidegger und Wittgenstein zusammen.
Der neue Ton äußert sich in der Sprache. Die Philosophen sind Sprachkünstler, nicht nur Platon, Seneca, Montaigne oder Nietzsche, sondern auch Aristoteles, Descartes, Kant oder Hegel. Philosophie ist „Begriffsdichtung“ (Lange). Zu den Begriffen gehören auch die Sprachbilder, die dem Begreifen aufhelfen.
Wittgenstein wie Heidegger haben die Sprache der Philosophie erneuert. Aber sie schlagen einen ganz verschiedenen Ton an. Wittgenstein zielt auf Leichtigkeit, Heidegger auf Schwere. Wittgensteins Sprache ist klassisch, einfach, klar und elegant im Stile von Hume oder Pascal. Heidegger hingegen kultiviert einen dunklen Stil, gotisch, expressionistisch, der sich von der Umgangssprache entfernt. In der Tradition von Aristoteles und Hegel erfindet er Kunstworte und lädt Alltagsworte mit Bedeutung auf.
Wittgenstein schreibt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ (T 7)Und Heidegger: „ Die Sprache spricht als das Geläut der Stille.“ (Unterwegs 30) In der Welt sein heißt für ihn Sorge, Angst, Sein zum Tod. Wittgenstein untersucht am Phänomen des Schmerzes den Unterschied der Personalpronomen ich und er. Jeder auf seine Weise sind Heidegger und Wittgenstein modern. Sie spüren einen Bruch mit der Vergangenheit. Die philosophia perennis kann nicht einfach fortgesetzt werden. Die Philosophie ist schlecht geworden. Sie muß zu Ende, zum Schweigen gebracht, überwunden werden, oder wie Heidegger sagt: verwunden. (Vorträge 75) Die schlecht gewordene Philosophie heißt Metaphysik.
Was ist Philosophie? Ein bestimmter Ton, eine gewisse Stimmung des Wissens, Wissen im Modus des Nichtwissens, sagt der platonische Sokrates, Wissen im Zustand der Liebhaberei, nicht in dem des gesicherten Besitzes und der Selbstverständlichkeit. Drei Formen des Wissens kommen in der Philosophie zusammen: Weisheit, Wissenschaft und Witz. Der Witz der Philosophie ist der Ton, in den sie Wissenschaft und Weisheit zusammenstimmt.
Weisheit ist das göttliche Wissen aus dem Mund der Dichter, das Wissen der Alten. Sie gibt der natürlichen Klugheit Gelassenheit. Der Kluge wird weise, wenn er im Triumph die Niederlage nicht vergißt. Die Weisheit stimmt die Klugheit auf ihre Begrenztheit ein, auf das unvermeidliche Ende. Weisheit ist eine unaufdringliche Macht. Sie argumentiert nicht. Wenn sie redet, spricht sie in Sentenzen, die Evidenz beanspruchen. Sie verzichtet auf Begründung. Denn die würde zu weit führen, zu hoch hinaus. Deshalb braucht die Weisheit die Autorität der Alten, der Dichter, der Seher. Wenn deren Autorität schwindet, werden die Sprüche in Frage gestellt und Gründe verlangt. Die Philosophie ist Weisheit in Zeiten der Aufklärung.
Das Wissen wird einsichtig, vernünftig. Es wird Wissenschaft. Sie rechtfertigt sich mit nachprüfbaren Gründen und Erfolgen. So wird auch die Philosophie Wissenschaft. Ihr Vorbild ist die Medizin. „Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit,“ bemerkt Wittgenstein (PU 255). Was die Medizin für den Leib ist, das behauptet die antike Philosophie, für die Seele und die ganze Stadtgemeinschaft zu sein. Die Philosophie behandelt das Verhältnis von Vernunft und Leidenschaften, unter ihnen Kummer, Sorge, Schmerz. Sorge kann aber auch Pflege bedeuten. So versteht sich die Philosophie als Sorge der Seele um sich selbst. „Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät,“ schreibt Wittgenstein im Stil der alten skeptischen Ärzte. (PU 593)
Die Philosophie will die erste Wissenschaft sein, denn sie untersucht die ersten Ursachen und Gründe dessen, was ist. Was ist das, was ist? Schon Aristoteles hatte diese Frage der Metaphysik mit einer Untersuchung der Sprache, des Satzes und des Prädikats beantwortet. Die Metaphysik verdinglicht das Sein, sagt Heidegger, durch eine Analogie von „Satzbau und Dingbau“ (Kunstwerk 15). Wird die Tatsache als Sache verstanden? „Oder wird gar der so vorgestellte Bau des Dinges entworfen nach dem Gerüst des Satzes?“ (Kunstwerk 15) Wittgenstein schreibt gleich zu Anfang seines Traktats: „ Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ (T 1.1) „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ (T 1)
Das Wissen wird Wissenschaft. Es gewinnt Macht über die Natur, über die Menschen und ihre Geschichte: Naturbeherrschung, Beherrschung der Leidenschaften, Selbstbeherrschung, Herrschaft über andere, Herrschaft über die Weisheit durch Auslegung der alten Schriften. Will die Philosophie an die Macht? Was ist der Witz ihres Wissens? Was weiß ich, wenn ich etwas weiß? Worauf kommt es der Philosophie letzten Endes an? Was ist die Pointe ihrer Wissenschaft? Freiheit durch Gewinnung von grundlegenden Einsichten, Freiheit durch Vernunft, Befreiung von bloßen Meinungen, Vorurteilen, von Kummer und Sorgen, den Leidenschaften, Abhängigkeiten aller Art, Freiheit der politischen Selbstbestimmung, kurzum freier Geist. Im Witz wird die Frage nach dem Grund noch einmal zugespitzt. Im Witz taucht der Grund hintergründig und hinterrücks auf, indirekt, paradox, ironisch auf den Kopf gestellt. Die sokratischen Fragen nach dem, was gut ist – und nur das ist in Wahrheit -, enden alle in Sackgassen. Doch diese Suche selbst – sie darf nur nicht ermüden – ist immer noch das Beste, was wir für unsere Seele tun können, sagt Sokrates.
Die Liebhaberei der Philosophie entsteht in einer Zeit der Aufklärung. Mit ihr bleibt die Philosophie dauerhaft verbunden. Doch der Witz der philosophischen Aufklärung, so wie sie von Platon und Aristoteles betrieben wurde, war es, das, was sie aufklärt, nicht abzuschaffen und zum Verschwinden zu bringen, sondern in ihren vernünftigen Momenten aufzuheben. So rettet sie die Weisheit, das Wissen der Dichtung, des Mythos, der Religion, in die Reichweite der aufgeklärten Vernunft. Heidegger rettet die Dichtung und die dunklen Sprüche der Vorsokratiker, Wittgenstein die von der Wissenschaft bedrohte Alltagssprache.
„Unsere Sprache,“ schreibt er, „ kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten, und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und einförmigen Häusern.“ (PU 18) Descartes hatte gerade diese verwinkelte Altstadt abreißen und eine ganz neue Stadt, das heißt: eine neue Philosophie aufbauen wollen. Philosophie ist Aufklärung der Aufklärung. Wittgenstein arbeitet sich vom Vorort, von den Elementarsätzen des Tractatus, zu den Sprachspielen und Lebensformen im Stadtkern vor, den „Philosophischen Untersuchungen“.
Die Philosophie beginnt mit der Liebhaberei, aber in Erscheinung tritt sie als Wissenschaft. So stehen am sichtbaren Anfang oft die großen wissenschaftlichen Entwürfe: Wittgensteins Tractatus, Heideggers „Sein und Zeit“. Die Bauten bleiben halbfertig liegen. Es waren Hilfskonstruktionen für den Anfang, Gerüste, Provisorien mit einer Fassade des noch zu vollendenden Systems. Der „Tractatus logico-philosophicus“ löst sich in unzählige Notizen auf, die Wittgenstein in Kladden zusammenheftet. In ihnen sticht der Sentenzen-Stil immer deutlicher hervor. Einzelne Sätze können wie Sprüche gelesen werden. Doch ihr Witz besteht darin, daß sie wie Pascals Aphorismen dennoch in einem systematischen Zusammenhang stehen.
„Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache holt.“ (PU 119) Philosophieren heißt, die Philosophie zu Ende zu bringen. Der unablässigen Bemühung Wittgensteins, „der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas (zu) zeigen“ (PU 309), entspricht Heideggers Anstrengung, die Metaphysik zu verwinden. Denn mit ihrer Überwindung verlängern und verschlimmern wir sie nur. Die Metaphysik, die erste Wissenschaft der Philosophie, verstellt, so Heidegger, den Zugang zum Sein, indem sie es vergegenständlicht und verdinglicht. Ihre geschichtliche Folge ist die moderne Technik. Die Natur wird „Bestand“ und „Gestell“, Gegenstand der Ausbeutung. Diesen Niedergang der „Seinsgeschichte“ verfolgt Heidegger in den großen Werken der Philosophiegeschichte. Der Hintersinn seiner Interpretationen ist die „Verwindung“ der Metaphysik.
In der Verwindung steckt wieder der Witz der Philosophie, durch Aufklärung nicht abzuschaffen, sondern aufzuheben. Die Metaphysik, die verstimmte, schlechtgewordene Philosophie, vernichtet, was sie bewahren will. Das Sein löst sich in Nichts auf. Nur Seiendes bleibt übrig, Dinge, Gegenstände. Die Metaphysik endet im Nihilismus, so Heidegger. Was können wir da noch tun? Warten, das heißt: hüten, pflegen, aufmerksam sein, sagt er. Wenn wir nicht wissen, was gut ist, hatte Sokrates gesagt, ist es das Beste, unverdrossen auf der Suche nach dem Guten zu sein. Was gut ist, das ist. Denn was in Wahrheit (aletheia) ist, kann nicht anders als gut sein. Aber es verbirgt sich, sonst müßten wir nicht suchen. Es verbirgt sich, aber es „winkt“ (Unterwegs 20, 200) dem Wartenden, sagt Heidegger. Und Wittgenstein: „Wo Andere weitergehen, dort bleibe ich stehen.“ (Gewißheit 543)
Das ist der Witz der Philosophie: unterwegs und doch in jedem Augenblick da sein. Die Wissenschaft schreitet beständig fort, die Dichtung und ihre Weisheit sind immer da. Die Philosophie erreicht ihr Ziel unterwegs. „Dahin zurückkehren, wo wir uns (eigentlich) schon aufhalten, dies ist die Art des Ganges auf dem jetzt nötigen Denkweg,“ schreibt Heidegger (Unterwegs 190). Und Wittgenstein: „In Wahrheit haben wir schon alles, und zwar gegenwärtig, wir brauchen auf nichts zu warten. Wir bewegen uns im Bereich der Grammatik unserer gewöhnlichen Sprache, und diese Grammatik ist schon da.“ (Schulte 95)
Die Philosophie braucht und verbraucht Begriffe. Neue Begriffe ersetzen alte. Ihre Bedeutungen verschieben sich unmerklich im Laufe der Zeit. So wird der Begriff der Vernunft im 19. Jahrhundert von dem des Sinns abgelöst. In ihm schwingt von Anfang an der Verdacht mit, daß er nur eine Illusion ist, eine Projektion auf das, was sinnlos ist und geschieht. Die Menschen reden sich den Sinn ein. Er ist eine Täuschung der Sprache, sagt Nietzsche. Der innersprachliche Sinn von Sätzen wird nach außen geworfen und spiegelt sich dort als Welt, als Geschichte, als Sinnzusammenhang. Der Begriff des Sinns und mit ihm der des Verstehens, der Deutung und Bedeutung führt aber die Philosophie zur Analyse der Sprache. Die Philosophie kehrt dorthin zurück, wo sie sich immer schon aufgehalten hat. Zoon logon echon, hatte Aristoteles den Menschen genannt, ein Wesen, das Sprache, das Vernunft hat. Logos kann beides heißen.
Bei der Sprache sind wir schon immer angekommen. In ihr „wohnen“ wir. Wittgenstein meint die gewöhnliche  Sprache, Heidegger die dichterische. Aber auch die gewöhnliche ist dichterisch. Sie dichtet die Welt, in der wir leben, den Alltag. „Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen,“ schreibt Wittgenstein (PU 129). Verborgen sind sie bewahrt, aber unsichtbar. Für Heidegger ist das Vernehmen der Dichtersprüche abseits der Alltäglichkeit die „Unverborgenheit“ des Sinns, für Wittgenstein ist Sinn der evident gewordene Unsinn: „Was ich lehren will: von einem nicht offenkundigen zu einem offenkundigen Unsinn überzugehen.“ (PU 464) Das erinnert an Freud. Dessen therapeutisches Ziel war es, „hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln.“ (246)
Wittgenstein schaut durch ein Mikroskop, Heidegger nimmt ein Fernrohr. Wittgenstein ist Ingenieur. Er hat ingenium, Sinn für Finessen und Witz, ein Städter. Beide bauen, Heidegger wie Wittgenstein. Doch Heidegger setzt bei der Landwirtschaft an, beim Ackerbau. (Vorträge 141) Heidegger ist ein Bauer. Bauen heißt für ihn pflanzen, anbauen und dann - ähnlich wie schon das Warten – pflegen, schonen, wohnen.
Als erstes muß eine Grenze gezogen, ein Bauzaun errichtet werden gegen das Gerede (Heidegger), das Geschwafel (Wittgenstein). Philosophieren heißt wohnen, sich in guten Gewohnheiten einrichten. Aber noch ist nichts da außer einem Zaun gegen schlechte Gewohnheiten. Woher weiß ich am Anfang, was gut und schlecht ist? Eine Bauhütte, ein Wohncontainer, muß her, eine provisorische Moral auf Empfehlung von Descartes, eine Übergangslösung für die Zwischenzeit, bis der wissenschaftliche Neubau, das philosophische System fertig ist.
Der Anfang ist Vorbereitung, Zurüstung. Bevor gebaut werden kann, muß man ein Gerüst aufbauen. Für den Autor des Tractatus bildet die Logik ein Gerüst von Elementarsätze. (T 3.42, T 4.0134, T 6.124) Heidegger benutzt das Bild des Baugerüstes, wenn er zeigen will, daß seit Aristoteles die Sprache so aufgefaßt wird, als gäben sich die Menschen mittels Sprache Zeichen, um sich zu verständigen, als spräche der Mensch und nicht die Sprache. (Unterwegs 204, 244 f) Die Menschen „entsprechen“ ihr höchstens, so Heidegger, sie wohnen in ihr. Das Gerüst ist die Leiter, die man wegwerfen kann, wenn man über sie hinausgestiegen ist. (T 6.54) Sie kann aber auch stehen bleiben als Übungsgerät in der Turnhalle der Philosophie.
Was macht der Philosoph? Er trifft Vorbereitungen, er rüstet sich. Er baut ein Gerüst für etwas, das noch kommt und das Gerüst überflüssig macht. Aber dann merkt er: alles, was gebaut werden sollte, ist schon da. Er wohnt schon in der Sprache. Wir folgen immer schon ihrem Labyrinth, ohne es verstanden zu haben. Bauzaun, Baubude und Baugerüst  gaben nur den nötigen Abstand und Aufschub, um zur Alltagssprache zurückzukehren. Der Philosoph brauch gar nichts zu machen. Die „Philosophie läßt alles, wie es ist.“ (PU 124) Denn die Weisheit liegt auf der Straße. Sapientia foris praedicat (Sprüche 1,20). Von außen zeigt sie die Wege nach draußen. Das Gerüst war die Wissenschaft. Die Liebhaberei konnte nicht bei ihr haltmachen, mußte über sie hinaus, hinter ihr zurückgehen. Die Philosophie findet ihren Ton, wenn sie diese Bewegung in jedem Moment vollzieht: sich durch einen Bauzaun abgrenzen, ein wissenschaftliches Gerüst errichten und auf ihm die Weisheit jenseits des Zauns aus dem Unsinn heraushören.
Der Witz der Philosophie ist nicht der Scharfsinn ihres Denkens, sondern die Weisheit im Rücken ihrer Wissenschaft. Deshalb wird das alte Instrument immer noch gespielt und immer wieder neu gestimmt. Das Spiel ist ein Sprachspiel. Die Sprache spielt es mit dem Philosophen. Sie instruiert ihn.
„Platte,“ ruft der Meister zu seinem Gehilfen. Damit, sagt Wittgenstein, meint der Meister nicht: das da ist eine Platte, sondern: hol’ mir eine von diesen Platten! (PU 2, 19) Der Meister – darin sind sich Heidegger und Wittgenstein einig – ist die Sprache. Sie baut. Wir, ihre Handlanger, sind im besten Fall gerüstet.
Die Philosophie hält sich als Provisorium, als Gerüstbau. Die Gerüste sind für den Anfang. Der Witz der Philosophie besteht darin, die Gerüste abzubauen. Die Philosophie hält sich im Abschied von sich selbst.

 

 

 

Ich bin ein Neanderthaler, in: Lettre International 109, 2015

Spott und Bewunderung, in: Merkur Juni 2014

Flecken, in: Harte Bank

 

Die Hyperbel, in: Moneten

Der Löffel, in: Notlösung

 

Das Geländer, in: Lettre International 102, 2013

Die Intonation der Orgel, in: Orgel und Container

Der Löffel, in: Notlösung

Weggehen, in: Enger Spielraum

Brauchen Wohnen Nehmen, in: Enger Spielraum

Packen, in: Harte Bank

Bauen, in: Enger Spielraum

Freispruch, in: Notlösung

 

Fallen, stürzen, in: Enger Spielraum

Unisono, in: Lettre International 24, 1994

Was ist Philosophie?

Im Bauch des hölzernen Pferdes, in: Moneten

 

Nichts Besonderes, in: Auf der Suche nach Einfachheit

Auf dem Rücken Amerikas

gleich gültig, in: Harte Bank

Der Lieferant