HANNES BÖHRINGER

Wer da?

gelenkig

 

 

Drei Gäns im Haberstroh

Saßen da und waren froh,

Dann kam ein Bauer gegangen,

Mit einer langen Stangen,

Ruft: Wer do? Wer do?

Drei Gäns im Haberstroh

Saßen da und waren froh!

 

Drei Gänse sitzen da, nicht zwei. Kein amouröses tete-a-tete, eine kleine Gesellschaft, die miteinander palavert und sich im Stroh wohlfühlt. Bescheidenes Glück, Ungestörtheit, Wärme und der Geruch von Hafer. Was will man mehr? Weizenkörner schmecken womöglich noch besser. Aber Hafer ist auch nicht schlecht.

Da sitzen die drei Gänse einander zugewandt und vergessen für eine Weile, was um sie herum vor sich geht. Keine Gefahr im Verzug. Gänse passen auf. Dann aber passiert doch etwas, aber ist es fast nichts. Jemand geht rufend vorüber. Das Dann in der dritten Zeile versteht sich eigentlich von selbst und stört den lakonischen Reim.

Ein Bauer kommt vorbei. Warum ein Bauer und nicht der Bauer, der die Gänse hält und pflegt, der sie füttert und anständig schlachten und rupfen wird? Der Bauer hätte an den Tönen und Geräuschen erkannt, daß seine Gänse sich wohlfühlen. Und wenn sie aufgeregt geschnattert hätten, wäre er mit einem Stock gekommen, um den ungebetenen Gast zu vertreiben, und nicht mit einer unhandlichen langen Stange.

Der Bauer ist seßhaft wie seine Gänse. Er sitzt auf seinem Eigentum und verteidigt es gegen Eindringlinge. Als Wächter hält er sich Hunde und Gänse. Ein Bauer hingegen ist jemand, der nur vorbeikommt, und das mit einer langen Stange – was will er? –  lächerliche Erscheinung, Tölpel, komische Figur.

Er kommt nicht nahe genug an die Wirklichkeit heran mit seiner langen Stange. Er hört Geräusche, Geraschel im Stroh, Gänsegeschnatter, und mißdeutet es als Warnruf, ein Dummkopf eben, ein Mensch. Mit seiner langen Stange stochert er im Ungewissen. Mit ihr hält er die Welt auf Abstand. Über den Abstand hinweg kann er nur rufen. Ist da jemand? Wer da? Die Gänse schauen sich kurz an. Wer ist das denn? Nicht ihr Bauer, aber auch kein Dieb. Nichts zu befürchten. Sie können weiterschnattern.

Da ist die Geselligkeit der Gänse, ihre friedliche und fröhliche Konversation, Zuwendung in einem Hin und Her von Tönen, Lauten, Zeichen und dort der einzelne, einsame Mensch mit einer langen Stange. Tierisches Behagen und Geräte erzeugendes Unbehagen, Vertrauen und Mißtrauen, Gewißheit in der Nähe und Ungewißheit aus der Ferne, Plaudern und Rufen.

Zwei Vokale dominieren den Kinderreim: A und O. In den ersten und letzten beiden Zeilen schließt das O am Ende das offene A ab. In den mittleren Zeilen ist dieser Vorgang auseinandergezogen, zwei Zeilen fast nur A-Laute, dann zweimal ein starkes O. Auf die vielsilbigen A-Worte folgt das einsilbige doppelte „Wer do“. Dies A und O umfaßt alles, worum es geht: Lebensfreude, Genuß, Geselligkeit, Glück und Erstaunen, Bestürzung, Schreck, der sich gottseidank alsbald in nichts auflöst und einem neuen Behagen weicht, das jedoch eine leichte Beunruhigung nicht mehr loswerden kann, weil nicht jede Störung, jedes Ereignis so harmlos sein muß wie diese hier.

Jemand kommt vorbei und hört etwas: Gänsegeschnatter? Schnattern die Gänse, weil da noch etwas anderes, jemand anderes ist? Wer do?  Ein Doofmann stochert im Ungewissen und will wissen, was los ist. Wann weiß er, daß er etwas weiß? Wann ist er seines Wissens gewiß? Dabei stellt er sich alles menschenähnlich vor. Aus einer Ursache macht er einen Urheber. Aus „Was ist da?“ wird ein „Wer da?“. Erwartet er im Ernst, verstanden zu werden oder eine Antwort zu bekommen, die er versteht? Die drei Gänse sind verdutzt und verstummen.

Das Stochern im Ungewissen braucht Geduld. Die aber hat der Mensch nicht. So wird aus der Wer-da-Frage schnell die barsche Aufforderung, sich auszuweisen. Der Polizist stochert in den Pässen herum. Wer weiß, sie könnten gefälscht sein, das Geplauder eine Verschwörung. Der Anschein kann trügen. Dabei würde sich der Mensch am liebsten, wenn er es nur verstünde, den Gänsen dazugesellen. Stattdessen ruft er: Wer da! und bekommt keine klare Antwort, nur Geräusche, die er nicht versteht, oder einfach Stille. Er muß raten und herumirren. Das ärgert und beunruhigt ihn.

Wer do? Wer do? Der ängstliche Tölpel ruft, und niemand antwortet, nichts passiert. Da fängt er an, vor sich hin zu singen: Zehn Gäns im Haberstroh, aßen und waren froh (ältere Version). Die Stange hält ihm nicht nur die Welt vom Leib, sie befreit ihn auch vom Zwang zu Vernunft und Sinn. Eben darum kommt er gegangen mit einer langen Stangen. Das klingt einfach gut, und der Sinn – ein Glück – bleibt offen. Ein solcher freier Singsang macht jede Besorgnis wett: Kunst, herrlich, tröstlich, unerschöpflich.

Der Reim handelt von der Komik der langen Stange, der Disproportion von Sorge und Anlaß. Harmloses Gänsegeschnatter, ein Rascheln im Stroh und ein darüber beunruhigter Mensch, der gerade vorbeikommt, Aufregung aus nichtigem Anlaß. Aber man weiß eben nie! Die Aufregung reißt das Präteritum der Erzählung in die Gegenwart des Rufens. Kurzer Schreck, kleine Unterbrechung des Behagens, ein Ereignis, das keins ist, Erleichterung. Das Ende ist wieder der Anfang, kleines Glück. Doch eine leichte Beunruhigung ist den Gänsen geblieben. Diese Menschen!

 

 

Winkel. In den Ecken sammelt sich allerhand an. In den Ecken laufen zwei Ränder zusammen. Ränder, unscharf, werden nicht so beachtet wie die Mitte. Auch an den Rändern bleibt vieles liegen, erst recht in den Ecken. Die Ecken sind schwer zu säubern. Der Besen kommt nicht in sie hinein. Der Dreck wird eher in sie hinein- als herausgekehrt. In den Ecken landet all das, was sonst nirgendwo seinen Platz findet. In den Ecken fällt die Unordnung nicht auf. Vom offenen Feld vertrieben verzieht sich das Durcheinander in die Ecken.

In den Ecken und Winkeln kann man sich gut verstecken, geschützt von mindestens zwei Seiten, nicht exponiert im offenen Raum. Im Winkel läßt sich gut leben, in der Provinz, entfernt vom Zentrum der Macht. Aber es ist eng hier, der Horizont beschränkt. Es ist eng, aber gemütlich. Winkel kann man gut heizen, aber es fehlt die frische Luft. Die Winkel stauben ein. Die Beweglichkeit leidet. Überall Schrägen und Kanten. Der Kopf stößt an. Die Winkel sind spitz und schmerzhaft, wenn man in ihnen nicht still hält. Die Ecken und Kanten müßten abgerundet werden. Aber in einer Runde gibt es keine stillen Winkel mehr.

Gerade. Alles ist schief und krumm. Nichts ist richtig gerade, und wenn doch, geht es geradewegs daneben, am Ziel vorbei. Es ist gerade, aber schräg. Gerade heißt aufrecht, richtig, nicht schief, erst recht nicht krumm. Doch nichts stimmt, nichts ist bei näherem Hinsehen gerade und genau. Alles läuft schief. Nichts kommt wie geplant. Darum muß alles zurechtgebogen werden, damit es gerade noch hinkommt. So aber kommt man aus dem Zurechtbiegen und Berichtigen nicht mehr heraus. Denn was krumm und schief ist, wird niemals richtig gerade. Es muß ständig korrigiert werden.

Das Gerade und Richtige ist ein Wunschbild, eine Ausnahme in der Wirklichkeit. Manchmal, selten glückt es, daß alles paßt. Darum ist das Gerade, das Richtige und Perfekte, eigentlich nichts für die Menschen. Darum bewundern sie es. Menschen machen Fehler, versuchen sie gut zu machen und machen andere Fehler. Sie können nicht geradewegs das Richtige tun. Sie müssen Umwege gehen, Scharten auswetzen, Hindernissen ausweichen. Hindernisse umkurvend verlieren sie die Richtung und müssen krumme Wege einschlagen oder Winkelzüge machen, um doch noch ans Ziel zu gelangen. Da alles, wenn auch anfangs meist unmerklich, krumm ist und schief läuft, versucht man am Ende oft mit Gewalt, das Richtige durchzusetzen. Doch das Richtige ist strittig, und die Gewalt verbiegt das Gerade.

Gelenk: Gerade und Ecken sind starr. Die Gerade kann einem Hindernis nicht ausweichen. Sie muß es durchschlagen und kommt an kein Ende. Das Gerade kann sich nie mit dem Krummen abfinden. Die Ecke ist passiv, das Ergebnis von zwei Seiten, die aufeinander stoßen. Wenn der Winkel beweglich würde, könnte er Unordnung und Staub abschütteln und schlank werden. Der bewegliche Winkel könnte die Gerade vor dem Zusammenstoß mit einem Hindernis bewahren.

Die sichtbare Welt ist voll von Dingen, lebendigen und leblosen. Sie alle haben Teile. Manche Teile von Lebewesen heißen Glieder, Gliedmaßen. Im Vergleich mit anderen Teilen sind sie ziemlich selbständig. Glieder können sich bewegen, weil sie mit dem Körper durch ein Gelenk verbunden sind. Der Körper kann auch eine Gemeinschaft sein. Ihre Mitglieder sind nicht lose, sondern über ein unsichtbares Gelenk mit dem Ganzen verbunden: Familie, Gemeinde, Verein.

Das Gelenk bindet an einen Körper und ermöglicht in dieser Bindung zugleich Beweglichkeit, Selbständigkeit, Freiheit. Die starre Hierarchie von Teil und Ganzem ist gelockert. Das Ganze wird Gemeinschaft. Das Gelenk ist fest und locker und ermöglicht dem Ganzen, locker und fest zu sein. Freiheit festigt. Bindung und Freiheit miteinander zu verbinden ist ein Kunststück. Im Lateinischen ist Gelenk (artus) sprachverwandt mit Kunst (ars). Die moderne Kunst hat aus Teilen Glieder gemacht. Sie hat Farben, Striche, Linien aus einer gegenständlichen Komposition und die Konstruktion vom Dekor befreit. Die steifen Winkel werden gelenkig, die Ruhe beweglich. Die Hierarchie der Teile löst sich auf. Sie werden Glieder einer Gemeinschaft. Das ist Politik: aktive Teilhabe, Mitgliedschaft

Die Kunst kann sich beschränken, zum Beispiel auf Gerade und Winkel. Indem die Winkel gelenkig werden, faltet sich die Zeichnung räumlich auf und wird mehrdeutig: Was ist Figur, was ist Grund, was Körper, was Raum, wo ist oben, wo unten. Die Linien und Winkel rufen geometrische wie stereometrische Figuren hervor. Die Aufmerksamkeit zirkuliert über die Linien und findet keinen Anfang und kein Ende. Sie haben sich zusammengeschlossen. Die Gelenke emanzipieren die Teile vom Ganzen. Bilden die Linien eine in sich gegliederte Gestalt, oder sind es mehrere? Keine ist eindeutig und in sich geschlossen. Ihre Räume durchdringen sich und schließen sich gegenseitig aus wie die Welten von Personen, die, je näher sie sich kommen, desto stärker auf ihre Fremdheit und Unerreichbarkeit stoßen.

Womöglich sind Natur und Geschichte, Technik, Kunst, Religion und Politik nichts anderes als unaufhörliche Versuche von Gelenkbildungen, locker-feste Verbindungen von Bindung und Freiheit, Teile zu Mitgliedern zu befördern, Versuche von Gliederungen, Entwicklungen mit Rückschlägen. Die hohe Kunst ist das Luftigste, Leichteste und Schwerste, ein Gelenk des Gegenständlichen zu einem Ich-weiß-nicht-was, etwas, das nicht zu wissen und zu fassen ist, fast nichts, gekonnt und doch geglückt, gerade richtig, eine Verbindung über die Kunst hinaus, die Freiheit, sie hinter sich zu lassen.

 

 

Ich bin ein Neanderthaler, in: Lettre International 109, 2015

Spott und Bewunderung, in: Merkur Juni 2014

Flecken, in: Harte Bank

 

Die Hyperbel, in: Moneten

Der Löffel, in: Notlösung

 

Das Geländer, in: Lettre International 102, 2013

Die Intonation der Orgel, in: Orgel und Container

Der Löffel, in: Notlösung

Weggehen, in: Enger Spielraum

Brauchen Wohnen Nehmen, in: Enger Spielraum

Packen, in: Harte Bank

Bauen, in: Enger Spielraum

Freispruch, in: Notlösung

 

Fallen, stürzen, in: Enger Spielraum

Unisono, in: Lettre International 24, 1994

Was ist Philosophie?

Im Bauch des hölzernen Pferdes, in: Moneten

 

Nichts Besonderes, in: Auf der Suche nach Einfachheit

Auf dem Rücken Amerikas

gleich gültig, in: Harte Bank